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Die Ehre in Wissenschaften

(von Johann Philipp Lorenz Withof)

Als seine Hochtwolerwürden

Der Herr

Balthasar Eberhard Withof

Domherr im Petrinischen Kapittel zu Utrecht,

Kurator, Erster öffentlicher Lehrer und Prediger zu Lingen

Sein öffentliches Lehramt daselbst antrate.

 

 

O nein! E bleibt dabei: nur Schande, Spott und Schmach,,

die Weisheit ist gerecht, folgt stolz Faulheit nach:

wer hat doch reine Luft bei schwülen Sommerstunden,

und ein gesundes Lob bei Regen schlaff gefunden?

 

Ich weiß zwar gar zu wohl, dass mancher fauler Knecht,

Der Wissenschaft und Kunst durch kühne Griffen schwächt,

in Stand und Würden prangt; doch sind das dies die Sachen,

die ihn der weisen Zunft verehrungswürdig machen?

Die Würden pflegen ja oft voller Last zu sein,

und bringen manchmal mehr Verdruss als Wucher ein:

da wir die Ehre nun auch eine Tugend nennen,

wie sollte sie denn wohl was Böses wirken können?

Der voll von Laster lebt der Welt zum Überdruß,

und den ein armes Volk nach Vorschrift fürchten muß,

der dich glückselig nennt, wenn du ihn darfst begleiten,

und in der nahen Not zu seinem Besten streiten,

der kein Gesetze kennt, als was sein Herz begehrt,

mit blödem Übermut nur seinen Tand verehrt,

der sich zum Zeitvertreib lässt Blut wie Wasser rinnen,

und so ein Sklav ist von ungeübten Sinnen,

Der soll erhaben sein, den heißet man geehrt?

Wer hat dich, tumme Welt, dergleichen Wahn gelehrt?

 

Die Ehre wirkt für sich allein nur auf den Geist,

den sie mit zarter Lust und Engelsgaben speist,

wenn er ein Werk vollbracht bei eingeteilten Stunden,

das bei gelehrter Zunft verdientes Lob gefunden.

Sie ist ein reicher Lohn, den die Gerechtigkeit

An Männern solcher Art mit offnen Händen beut.

Die Tugend ist ihr Stamm, ihr folget Huld und Güte,

ihr Wohnplatz ist allein ein himmlisches Gemüte.

Sie gibt ein frohes Herz, ein Herz, das doch dabei

von eitlem Gauckelspiel ganz abgezogen sei;

Sie macht den Geist gesetzt, sie bringt die frühe Jugend

zwar nicht durch sauer Tun, jedoch zur ersten Tugend:

Ihr Stamm ist ihre Frucht. Sie leitet unsern Sinn

durch manchen jähen Weg zu hohen Dingen hin.

Durch sie muß Dämpf und Nacht und Finsternis verschwinden:

Sie lässet Newtons Fleiß die waren Kräfte finden,

durch die so mancher Stern mit seiner Nebenwelt

Bewegung, Kreis und Band in seinem Lauf erhält.

Was Naso an uns klagt, und was Horaz gesungen,

wodurch des Maros Lied die Ewigkeit erzwungen,

entsteht von ihrem Zug. Sie dringt durch Pest und Dunst,

sie zeigt dem Hippokrat die arbeitsvolle Kunst,

sie frischt Bellinen an, sie gibt ihm Kraft und Schwingen,

und führt ihn nach und nach zu unerhörten Dingen.

Sie stählt den matten Leib, wenn die durchwachte Nacht

und der verflossene Tag in Arbeit zugebracht.

Sie sieht auf fremde Not und lebt zum Wohl der Armen,

und hat mit blindem Wahn ein tätliches Erbarmen.

So viel hat der voraus wer ihren Verzug kennt!

Er bleibet unbewegt, wenn schon der Pöbel rennt,

er siehet lächelnd zu, wenn thumme Wespen schwärmen

und um ein bisschen Kraut mit Sing und Saufen lärmen:

Hat sich der arme Neid vergebne Müh getan,

so greift er dessen Wut nur mit Erbarmen an:

ihn folget was er wünscht.

 

Dies ist die rechte Ehre:

O das doch jeder Mensch in ihrem Dienste wäre!

Und stimmte Mund und Herz mit ihrer Führung ein,

die Tugend würde schön, das Laster hässlich sein.

 

So aber bangen wir nur an den morschen Schalen,

die den betrognen Geist mit leichtem Staub bezahlen:

Wir sehen tief gebückt nach faulem Unrat hin,

und suchen in dem Kot beschwerlichen Gewinn:

Der Lohn für edle Müh ist klein in unsern Ohren:

Ja mancher wähnet gar, er seie nicht geboren,

dass was er rühmliches vor andern wagen soll,

er isst und schläft dahin, und träumt, er lebe wohl.

Warum? Die Schmeichelei weiß ihn mit falschen Bildern

die Faulheit mit den Glanz der Ruhe abzuschildern.

So wird die Welt verführt durch angenommnen Schein;

Ein Laster an sich selbst kann nicht so schädlich sein,

die sträfliche Gestalt muß unsern Sinn erschrecken,

es pflegt sich mit dem Kleid der Tugend zu bedecken.

So liebt man Unverstand und Sucht in ihm die Ruh,

man glaubet ohne Müh, und giebet gerne zu:

Der Witz im Gegenteil spannt Nerven, Mut und Kräfte,

und mehret immerfort die feurige Geschäfte;

doch wahrlich solche Ruh ist nicht des Namens wert,

sie ist ein fauler Schlaff, der Narren nur beschehrt,

der Geist soll wirksam sein, und wirkend Ruhe finden;

dies kann der Pöbel nicht und will es nicht verbinden.

 

Nur Komtus lebt nicht so: was fänget er denn an?

Er sitzet bei Tobak und lieset den Roman.

Und lacht die Einfalt aus der ungeschliffnen Alten,

er lernt, wie das Gesicht recht zärtlich in die Falten

und nett zu rücken sei. O holdbelebter Fleiß!

Die Nachwelt sehnt sich schon und wünscht sich einen Greis

Aus solchem edlen Stamm, da dessen schöne Gaben

Die Bürger unsrer Zeit so sehr bezaubert haben.

Doch eines sag mir nur: geht dich vielleicht nicht an

Was mein Freund beglückt und mich erfreuen kann?

Was hast du denn voraus vor ungemenschten Tieren,

die auch für sich nur sind, und sich in sich verlieren?

Du lebest ebenso, und denkest nur an dich,

doch nein mein kleiner Hund ist auch bedacht für mich;

im Tode wird euch kaum ein triefend Aug beweinen,

noch auch das Sonnenlicht mit schwächern Strahlen scheinen.

 

Doch Terrifodius steht gegen mich schon auf,

und zeigt mir Tag vor Tag den schweren Lebenslauf,

und bringt die Arbeit bei, die ihn in tiefen Gründen

nicht ohne zähen Schweiß die schönsten Früchte finden

und auch genießen lässt: da mir bei spätem Licht

kein aufgetriebnes Naß aus harten Röhren bricht.

Schon gut: ich werde ihn und seine Werke preisen,

wofern er nur vermag durch Taten zu erweisen,

dass sein belobter Fleiß, der ihn ernährt und deckt,

sich auch zum wahren Wohl der Dürftigen erstreckt;

dann sonsten, wie schon längst die teuren Alten sungen,

sorgt auch ein grimmes Tier für sich und seine Jungen.

 

Und ist dann solcher Fleiß schon seines Lobes wert,

so weicht er doch dem Ruhm, der einen Mann verklärt,

der Wissenschaft besitzt: auch unter armen Hunden

hat Epicktetens Geist ein ewig Lob gefunden.

 

So schön das Denkbild ist, das Tius Seele fühlt,

wenn er den heißen Wunsch der armen abgekühlt,

und keinen Tag regiert mit fröhligem  Gemüte,

der nicht ein Zeuge war von seiner Huld und Güte.

So reizend ist die Lust, die in den Adern glüht,

so bald man hier und da erlauchte Männer sieht,

die sich durch unsern Fleiß der Eitelkeit entzogen,

der sie vorhin, wie nun der Wissenschaft gewogen.

Wahrhaftig diesem Stand kommt kein Ergötzen bei,

und wenn es auch die Last von Gangens Fluten sei,

wer nur den Unterschied von Leib und Seele kennt,

und keinem Vorurteil die Obermacht vergönnet,

der gibt mir gerne zu, dass Geister zu erbaun

viel edler sei, als nur nach Leibes Not zu schaun.

Das heißt sich recht den Weg zu Königreichen bahnen,

man macht die Geister selbst zu seinen Untertanen.

 

Und diese Wohllust ist wohl nicht so gar gemein;

Denn auch allhier verführt ein angenommner Schein:

Nicht jeder der beim Chor erhabner Seelen sitzet,

ist auch ein würdig Glied, das Wahrheit unterstützet.

Der Pöbel meinet zwar, der Titel sei schon gnug,

er glaubet, was er wünscht und liebet den Betrug,

und sieht er nur das Kleid und die geborgten Mienen,

so ist er schon bemüht, dem großen Mann zu dienen.

Doch was der Pöbel preist, ist darum geehrt;

Wer andre lehren will der sei erst selbst gelehrt,

wer aufgeblähten Wind vor Wissenschaft verkaufet,

dem wird die falsche Tracht noch endlich ausgeraufet.

 

Der heißt ein großer Mann, der seine Lebenszeit

Nach Absicht, Stand und Ziel der Wissenschaft geweiht,

der, wenn er seinen Sarg in stillem Frieden bauet,

die Tage seiner Müh nicht ohne Nutzen schauet:

Der keine Jugend kennt, kein Alter hat gesehn,

das nicht vermögend sei, ein Urteil auszustehn;

Der sich mit Ernst geübt, das Wahre zu erwählen;

Das heißt vergnügt gelebt, und seine Tage zählen!

Der Tod entfärbt ihn nicht, nein die Zufriedenheit

Führt ihn mit gleichem Mut zur langen Ewigkeit:

Ach, unser Schade kann sein Tun am mehrsten preisen,

er macht ein ganzen Volk zu vaterlosen Waisen.

 

Wie aber, fragest du, ist dann ein frohes Blut,

und ein gesunder Leib kein viel zu edles Gut?

Ist dieser denn nicht so schon hart genug gequälet?

Wo ist doch wohl ein Schmerz, der unsrer Welt verfehlet?

Wer wollte sich demnach durch schwächendes Bemühn

Mit Angst ins öde Land der finstren Grüfte ziehn?

Doch sanft und nur gemach: Dein Fuß wird nimmer gleiten,

betrachte jedes Ding nur recht von allen Seiten:

Ich kenne meinen Leib und dessen zarten Sinn,

und weiß, wie viel ich ihm mit rechte schuldig bin,

ich säh in auch gar gern mit meinem Geiste grünen,

doch soll der Geist nicht ihm, nein er dem Geiste dienen.

Die Seele ist gemacht zur ernsten Ewigkeit,

wohin kein fauler Wanst den steilen Weg bereit,

find diese nun ihr Los in jenen hohen Gründen,

so mag der Leib den Druck der Nichtigkeit empfnden.

 

Mein BRUDER, und mein FREUND, der meiner Achtung wert,

auch D hast dich nicht blos nur so für Dich ernährt;

Du könntest jüngst vergnügt nur Dir zum Besten leben,

und durch gelehrte Müh Dir Lust und Ansehn geben:

Es stellte sich kein Tag in Leidens Mauern dar,

der nicht des Lobes wert und ohne Segen war;

Man lebte Dir zum Wohl selbst wider Landsgesetze,[1]

damit kein Überdruß dich irgendwo verletze:

mich deucht, ich sehe noch das ängstliche Bemühn,

wodurch Dir soviel Huld vor Anderen verliehn:

Euch, Freunde, zeuge ich, zwar Freunde nicht vom Blute,

jedoch an Wissenschaft und Lust zum echten Gute,

ihr wisst´s, es gehet noch so mancher froher Blick,

nach Eurer edlen Zunft in stiller Lust zurück:

Gedenkt ihr noch, wie ich, der angenehmen Stunden,

da wir so Mund und Herz, als Wissenschaft verbunden,

da wir so manchen Satz bei Florens bunter Tracht,

ach, dass die Zeit vorbei! im Frieden überdacht?

Doch alles ist ein Traum so lange wir auf Erden;

Ihr kennet mein Gemüt, Ihr könnt nicht untreu werden,

Und diesen schönen Ort, der nur sich selber gleich,

und diesen Ruhestand, der an Vergnügung reich,

Dein Rheinfrögt lässest Du, wo sich die dichten Schatten

mit Anmut, Pracht und Kunst in stetem Wechsel gatten.

 

Dein HORAZ, Dein kluger HORAZ, dem die Leutseligkeit

Asträens erstes Kind kein mattes Denkmahl weiht,

der mit gesetztem Sin das, was Er spricht, auch glaubet,

die Tugend unterstützt, die Bosheit quetscht und schraubet

bei Dessen Lobe jüngst mein lang verlegnes Rohr

in Oden hoher Kraft sich ungemein verlor,

Dein HORAZ ruft Dich hiehin mit edelmütiger Liebe,

Dein König billigt es, Du folgst Deinem Triebe,

der Welt durch edlen Fleiß ein würdig Glied zu sein,

so triffst Du denn vergnügt in Lingens Täler ein.

Hier kann die Wissenschaft sich auch nach Wunsch erheben,

und nach erwählter Art in vollem Wachstum leben:

hier ehrt man ihre Frucht, hier fühlt man ihre Kraft,

hier überwindet sie die stärkste Leidenschaft,

und kann sich ohne Neid und Bosheit zu verschonen

gar leicht durch eigne Macht mit stetem Ruhm belohnen.

Hier hat kein Widerspruch verwöhnter Toren Platz,

da, wo Gelehrtheit blüht, wächst ein verborgner Schatz,

an dem wenn schon ein Schwarm geringer Würmer nagen

dieselbe doch gar bald ihrer Wut verzagen.

Kurzum, geliebter FREUND, Du kannst hier fröhlich sein;

Die Hoffnung zieht bei Dir mit frohem Blicke ein,

hier kann dein reiches Pfund nicht ohne Nutzen bleiben;

Du findest Tafeln gnug was würdiges einzuschreiben.

O stelle Dir einmal die reine Freude vor,

wenn eine junge Schar  mit Auge, Herz und Ohr

an Deinem Munde hängt, und mit verstärktem Willen

lernt nach und nach den Geist mit Wahrheit anzufüllen.

Wenn das entbrannte Licht, das vormals dunkel war

Und manchmal gar nicht schien, jetzt heiter, scharf und klar

Durch Nacht und Schwachheit bricht, die Vorurteilen dämpfet,

und mutig mit dem Wust gemeiner Torheit kämpfet,

der Torheit dieser Welt, die uns armselig macht,

und, wenn sie uns verführt, durch tiefe Reuh veracht.

So wirst Du Deine Saat in fetten Früchten setzen,

so wird sich Deine Lust von Tag zu tag erhöhen[2].

Da um der Stadt herum die bunte Einsamkeit,

der Künsten Wucherplatz, Dir Lust und Wonne beut

und so dem stillen Geist, den keine Motten stören,

das edelste der Welt zum Gegenstand gewähren.

 

So schön teilt die Natur den weiten Reichtum aus:

Dem gibt sie Feld und Brot, und jenem Deck und Haus.

Was dort das Land der wunderbaren Zelten,

der kurze Inbegriff gehbenedeiter Welten,

an Pracht und Ansehn hat, das stellt hier jedes Jahr

der Besten reicher Schoß in schönster Ordnung dar

 

Hier zeigt sich die Natur an fühlenden Gemütern

Mit Wundern ihrer Kraft und unverdorbnen Gütern:

Bald wirft sie einen Berg mit meilen in die Luft,

auf dem der Kräuter Hauch den schönsten Ambraduft

in dünne Nebel dehnt: Du kannst auf seinem Rücken

nicht Spitzen schlechter Art, nein Wald und Feld erblicken.

Der Schäfer find bei ihm für seiner fetten Trift,

die auf dem Rasen spielt, des Hungers Gegengift,

und kennet er schon nicht die Kraft der Violinen,

so lässt ihm doch der Wald verdünnte Blätter grünen,

auf deren dünner Rand sein zugespitzter Mund

von seinem Damon pfeift, das auch der wache Hund

die sanfte Wehmut fühlt, und sicher, dass die Herde

ihm nicht von fremder Wut wohin verjaget werde,

der Tönen Zauberkunst bis auf den Schlaf verspüret,

die Zephyrs  Freundschaft gleich zum nahen Damon führt.

Bald irren Aaen  fort in Millionen Gängen,

die in dem grünen Tal sich angenehm verdrängen

und unversöhnlich sind: da hier Amasens Fluß

die schlanken Armen regt, und mit verschiednem Guß

durch krumme Ufern spielt, die hellen Fluten stürzet,

und das vergnügte Land mit nassem Segen würzet:

Verharre, holder Strom, du Bild der Mäßigkeit,

in Lingens Nachbarschaft bis auf die spätste Zeit;

es müsste jeder Fall von deinen süßen Quellen

sich mit erwünschtem Flor und Anmut vergesellen.

 

Mein BRUDER, auch für Dich ist diese Herrlichkeit,

zu der der Unschulds Hand noch Edenkörner streut,

die ein gemeiner Geist zwar sieht, doch nicht erkennet,

der das Erhabene von niederen Rasen trennet.

 

Ich sehe zwar im Geist schon Deinen Ruhestand

Drum nehm ich wohl für Dich mein Dichterspiel zur Hand:

Da aber heut Dein Fuß den Lehrerstuhl bestiegen,

auf dem die Wissenschaft nach abgemessenen Zügen

den stolzen Purpur legt, so reget sich mein Blut,

die Triebe nehmen zu die Hitze wird zur Glut:

Du kennst die Banden wohl die unsre Seelen binden,

jetzt fesseln sie zu stark; ich laß mich überwinden:

Ich finde Wort gnug, doch find´ ich keines nicht,

das mit gerechter Kraft von unsrer Neigung spricht.

Genug wir wissen es, dass mich Dein Glücke rühret,

und meine Freude stets zu Deinem Wohlsein führet.[3]

 



[1] unklar, was damit gemeint ist. In Leiden hat er seine Frau Agatha von Berendrecht geheiratet

[2] Das blieb leider ein frommer Wunsch Balthasar Withof fühlte sich nie wohl in Lingen und wurde bald angefeindet, besonders aus kirchlichen Kreisen.

[3] Es folgt noch eine lateinische Ode des Bruders Friedrich Theodor Withof, die hier nicht wiedergegeben ist.

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